die Karte
Saint Nazaire war definitiv ein Highlight der Reise. Der Schönste Ausblick aus dem Fenster und mit das beste Essen. Ganz fein, aber nicht abgehoben, regional, aber sehr raffiniert. Z.b. "Walnussravioli" in gebräunter Butter, nichts weiter. Die Vorspeise kann ich garnicht beschreiben, hat super geschmeckt, Salat mit einer Art Leberwurst mit Walnüssen.
Wenn ich es nicht gestern beim Abendessen gemerkt hätte, spätestens heute Morgen hätte ich es gewußt. Ich fahre durch das Walnussland. Unglaublich, eine Plantage an der anderen. Dass Walnussbäume viel Wasser brauchen, wusste ich auch nicht. Mehr als einmal musste ich kleine Bewässerungsduschen hinnehmen.
Dass es heute so richtig in die Bergwelt gehen würde, war mir schon klar. Mit 2x Schieben bin noch ganz gut weg gekommen. Das erste Mal gleich nach dem Frühstück, weniger schön, aber nicht dramatisch lang. Dafür ging es dann gut 15 km bis St-Marcellin auf der Höhe weiter. Den Canal de la Bourne habe ich da oben tatsächlich noch einmal getroffen. Einfach unglaublich, mit welchem Aufwand Wasser der Bourne, über das Riesenaquädukt, durch Tunnel hindurch fast 50 km lang als Bewässerungssystem für die Landwirtschaft transportiert wird - noch heute, gebaut in der 2.Hälfte des 19.Jh. Dass es gebraucht wird, haben die endlosen Wasserfontänen der letzten 2 Tage gezeigt.
Eigentlich recht idyllisch. Doch dann ging es hinunter an die Isère. Nicht gut, aber keine Alternative in Sicht. Gleich hinter der Brücke geht es wieder hinauf; aber so etwas von einer Rampe, kein kleines Sträßchen, sondern gut befahren. 2. Schiebeabschnitt. Deutlich länger, deutlich steiler.
Dies kann keine alte Streckenführung sein. Fuhrwerke konnten solche Anstiege nicht meistern. Die diversen "Schinderbuckel", die ich kenne, sind harmlos dagegen. Liebe Franzosen. Ihr Weltmeister der Kanäle, warum wollt Ihr nicht von Euren Nachbarn, den Schweizern lernen? SERPENTINEN heißt das Zauberwort. Aber wenn einmal die SUVs auf dem Autofriedhof verrostet sein werden, und nur noch kleine E-Autos durch die Gegend fahren, dann werdet Ihr merken, was für einen Schwachsinn an Straßen ihr gebaut habt. Heute im Hotel, merke ich zum ersten Mal, meine Arme und meine Schulter, die mussten heute ran! Nach etwa einem Kilometer kann ich wieder fahren. Und es geht weiter bergauf. Und weiter bergauf. Und weiter bergauf.
Auf keiner meiner Karten kann ich unten im Tal Wege entdecken.
Das ist der höchste Punkt meiner heutigen Tagesetappe - aber kein Höhepunkt. Das ist das Schloss Vinay. Das wäre dann doch die Höhe gewesen, da auch noch hochzufahren!! Aber immerhin gab es Cafe und Limonade. Und noch längst nicht die Hälfte des Pensums geschafft.
Die Berge um mich herum kommen mir nicht unvertraut vor. Schließlich fahren wir die Strecke seit Jahrzehnten, wenn es nach Spanien geht. Aber klar, wenn man so durch die Landschaft rast, kann man sich nicht wirklich kennenlernen.
Zuerst geht es aber wieder hinunter ins Tal. Echt? Ob das gut geht! Doch oh Wunder, nach etwa 30 km beginnt ein traumhafter Radeltag. Ein perfekter Radweg an der Isère. Ich glaube es nicht. Und dazu noch leichter Rückenwind! 30 km Genuss. Dass links von mir das Grundrauschen der Autobahn zu hören ist, geht mir am Hinterrad vorbei.
"Hallo, da oben! Wir kennen uns noch nicht so richtig. Wie geht´s denn so? Hast Du noch alle Deine Steine im Griff? Die Netze, die die Menschen unter dir aufgespannt haben, müssen sie schon Weihwasser begossen haben, wenn sie ein Wunder bewirken sollen und irgendetwas aufhalten, was von oben kommt. Na wenigstens kannst Du wohl nicht an Frostschwund leiden, dafür bist Du zu niedrig. Wenn ich Dich das nächste Mal vom Auto aus sehe, dann winke ich Dir zu, jetzt da wir Zeit hatten uns kennenzulernen."
Es ist schon verrückt wie anders man eine Landschaft wahrnimmt, wenn man Geschwindigkeit rausnimmt.
Den Fluss kann man von der Autobahn nie sehen. Er ist gut versteckt hinter seinem Uferwald. Dabei ist er hier, 10 km vor Grenoble ein richtiger Wildling. Weiter unten hatte er seine schöne Jadefarbe verloren und war "mud" geworden. Wenn man sieht wie es hier oben abgeht, ist das verständlich.
Hier hat es Stromschnellen, große Wirbel, Treibholz, Kiesbänke, alles was einen reißenden Gebirgsfluss so ausmacht.
Dann kommt der große "Knick" und Grenoble kommt näher. Ich weiß auch nicht, warum mir nicht in den Sinn kam, die Stadt näher kennenzulernen. Was ich jetzt gelesen habe, gibt es vor allem interessante Museen und einiges im Umland.
Der Grund warum ich heute aber schon in Fontanìl-Cornlìon vom Rad gestiegen bin, hat eher damit zu tun, dass es heute genau 60 km geworden sind. Nach Grenoble rein sind es noch einmal "10 Hadwigkilometer" - also 12-13 km für den Rest der Welt. Das hätte trotz des schönen Radweges dann doch etwas viel werden können.
Und so kam es, dass er nach einem Traum von einer Unterkunft gestern, das heutige Hotel in einem Industriegebiet an der Autobahn liegt. Hat auch was! Kann man mal machen. Vor allem, wenn es ein ganz ordentliches ist. Und man nette Leute trifft.
Gleich bei meiner Ankunft kommt ein älterer Herr aus der Rezeption. Zuerst denke ich, er will mich einchecken. Aber er will eigentlich ein Schwätzchen halten. Ein Radfahrer mit Leib und Seele. Spricht recht gut Deutsch und ist einige Male schon um den Bodensee gefahren. Er kennt sich gut aus. Aber eigentlich will er mir "sein Leid klagen". Er gesteht mir, dass er sich dieses Jahr ein E-Bike gekauft hat. Man sei halt nicht mehr der Jüngste. "Jetzt Butter bei die Fische"! Er ist 78 geworden. Und er zeigt hinaus auf die Berge: "Da komme ich nicht mehr rauf" Da!?? Wäre ich auch vor 50 Jahren nicht raufgekommen, bzw. was hätte ich da oben sollen? ("Wissn´s Vavaček, i find a die Bergen nix")
Tröstlich für mich: Da hätte ich ja noch ein paar Jährchen ohne Motorunterstützung vor mir! Schaumamal.
Die Lage des Hotels und die recht vielversprechend aussehende Speisekarte macht es mir leicht zu entscheiden - nix mehr zu tun.
Stadterkundung Grenoble in der Durchfahrt.
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