Samstag, 9. Juli 2022

35.Tag: in Genf

 

Genf hat zweifelsohne für mehr als 1 1/2 Tage zu bieten. Auch wenn es, ich gebe es gerne zu, irgendwann mal "gut" ist. Selbst ich kann eine "Überdosis" Kultur bekommen. Da freue ich mich doch, Morgen wieder auf das Rad zu steigen.


Aber was ich heute sehen und erleben durfte, möchte ich nicht missen. Zuerst, siehe oben, bin ich mit der Straßenbahn zum CERN rausgefahren. Ich habe mir eigentlich nicht allzu viel versprochen. Natürlich ist CERN das Zentrum, das Mekka der Wissenschaften schlechthin. Aber wenn ich auf Zeitreise in der Bibliothek von Alexandria gelandet wäre und an den Buchrücken entlang gegangen wäre, hätte ich dann verstanden, welche Bedeutung diese Bücher für das Abendland gehabt haben?

Die CERNler haben sich zumindest sehr angestrengt, dem Laien verständlich zu machen, warum hier nicht weniger als an einem neuen Weltbild gearbeitet wird. Und nebenher schon mehrfach von Genf aus die Welt verändert wurde.


Der erste Webserver der Welt wird dem Wissenschaftspilger mit den gleichen Mitteln präsentiert, wie die Kathedralen damals dem Gläubigen die wirkmächtigen "Reliquien" zeigten. Je heiliger desto mehr leuchten die "Schreine" aus der Dunkelheit heraus.
Doch die Präsentation der "Welt der Teilchen" in einer großen hölzernen Kugel hat schon was. Man ahnt eher, als dass man versteht, was in diesem LHC Large Haldron Colider abgeht, dass sie inzwischen mit der Beschleunigung der Teilchen der Lichtgeschwindigkeit immer näher kommen.
Auch die Filme zur Geschichte des CERN, dass ja schon 1954 gegründet worden ist, sind gut gemacht.
Ich erinnere mich noch gut an einen Artikel in "Das neue Universum" oder war es "Durch die weite Welt" die Buchreihe für den "Jungen"- meine Lieblingsbücher überhaupt, die ich mir aus der Stadtbibliothek geholt habe. 
Ich habe Anfang der 60er Jahre kein Wort verstanden, aber ich habe wohl geahnt, dass es sich um etwas ganz großes handeln musste. 
So viel zu meiner Sheldon- Cooper- Gedächtnistour hinaus in das Umland von Genf.
Der Kontrast zwischen CERN und meinem nächsten Programmpunkt könnte größer nicht sein.


Das Mamco, das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in einer stillgelegten Galvanischen Anstalt, ist ein tolles Experiment. Hier werden Künstler Atelierräume angeboten. Hier werden mutige, schräge, Ausstellungen gemacht. Inzwischen hat es den Ruf eines der wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst in der Schweiz.
Neben der Ausstellung der ausgezeichneten Schweizer "Nachwuchskünstler", die ich eher durchwachsen und nicht sehr "mutig" und schon garnicht "ausgezeichnet" fand, gab es eine Ausstellung von "Guerreiro do Divino Amor" - vom Krieger der Göttlichen Liebe ? Wirklich? 
Um den seltsamen Namen zu klären. Der Künstler heißt tatsächlich Guerreiro mit Nachnamen. Er hatte wohl mal vor eine Heavy Metal Band zu gründen, mit der er Jugendgottesdienste begleiten wollte - was naturgemäßig kein wirklich erfolgversprechendes Modell war.
Er hat in Europa studiert und macht sehr komplexe Videoinstallationen, in denen er auf sehr unterhaltsame Weise Gesellschaftskritk mit unglaublich lustig/kitschig/trashigen Performances mischt. Die "Superfictional Sanctuaries" hat er speziell für die Schweiz zusammengestellt.


Der Schweizer Olymp und seine "Heiligtümer" wird auf aberwitzige Art und Weise demoniert. Alle "Säulenheilige" sind durch Götinnen ersetzt. Hier mimmt "Calvina" die Reformation aufs Korn.


Die große Welternährerin, Frau Nestlé fähr auf dem Nestlé Werbeschiff den Amazonas hoch. 
Und so geht es weiter. 
Ich bin relativ lange durch die Installationen gegangen und habe mir die Filme angesehen - und war dann  absolut matschig im Kopf. Habe mich aber sehr unterhalten gefühlt.

Und dann noch einmal eine 180° Grad Wende.
Nach dem Vollfetten visuellen Überwältigungskrieger - eine kleine leise Ausstellung des Altmeisters der "arte povera", Mario Merz und seiner Frau Marisa.
Eigentlich nicht schlecht um wieder runter zu kommen.


2 Fibonacci-Arbeiten. Diese und eine "Iglu-variante". Sehr schöne Bilder von Marisa und viele kleine Plastiken.

Aber das war´s für heute. Noch ein bisschen Park und später ein Bier auf der Rhoneinsel.
Und dann - Morgen - nichts wie raus aus Genf. Dass Genf auf der Liste der lebenswertesten Städte der Welt, unter den ersten 10 steht, halte ich bei aller kulturellen Vielfalt für einen zynischen Irrtum.

Nachher werde ich die Tour de France Ankunft in "Lausanne" anschauen. Wenn ich das richtig sehe, dann wird das auf den letzten Metern durch die Altstadt eine richtige Bergankunft. Und ich 24 Stunden später, werde da wohl hoch schieben müssen?!! 

Die Fontaine im Genfer See ist übrigens wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet gewesen, falls Ihr Euch gefragt habt warum es kein Bild von dem Jet d'eau gab. War ursprünglich kein Springbrunnen, sondern ein Überdruckventil für die Wasserleitungen der feinmechanischen Betriebe, die den Druck am Feierabend abließen.
Nun denn, gehabt´s Euch wohl! Bis Morgen, hoffentlich aus Lausanne.













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