Donnerstag, 7. Juli 2022

33.Tag: Von Fontanil-Cornìlon nach Grenoble

 


Da oben war ich heute wirklich. Das da unten ist die Isère. Heute keine Karte. Was ist hier los! Was ist da passiert?
Tja, manchmal gibt es Überraschungen. Manchmal gibt es unangenehme Überraschungen, die sich im Nachhinein (hoffentlich) als positiv herausstellen.
Also von Anfang an:

Vielleicht habe ich es noch nicht erwähnt. Aber den großen Anstieg zwischen Aix-le-Bains und Genf hatte ich nie vor zu fahren. Ich habe es so wie damals bei der Rückkehr aus Italien geplant. 2 Stationen mit der Bahn und oben bin ich in Genf. Das Ticket ist gebucht. Nur um sicher zu gehen, ob der Zug auch wirklich fährt, gehe ich gestern Abend auf die Seite der SNCF.Zur Zeit sind ja mal wieder Streiks bei der Bahn. Und? Tatsächlich SNCFf sagt, Zug fällt aus. Schlägt vor  den TGV zu nehmen, mit dem Fahrrad, wie witzig. Der Regionalexpress fahre Morgen nicht. 

Ich will wirklich nicht noch 2 Tage mehr den Bergen hochkriechen. 

Also beschließe ich, ehe ich mich weiter nach Pontcharra aufmache, in Grenoble auf den Bahnhof zu gehen und zu fragen, ob Morgen wirklich Streik ist. 

Ich rede mit der Auskunft. Nein Streik sei keiner, aber mit dem Fahrrad... Da können sie keine Garantien geben. Ich habe nur das Recht gekauft ein Fahrrad mitzunehmen, aber einen Platz buchen, das geht im TER nicht. Also das gleiche Drama wie in Beziers? Möglich, vielleicht, kann man nicht wissen. Was aber wahrscheinlich ist, sagt die nette Damen am Schalter,  dass bis in Aix le Bains die Fahrradplätze weg sind. Vielleicht wäre es besser hier einzusteigen, denn an Wochenenden fahren viele Radfahrer, die Isere von Grenoble runter. D.h die Chancen stehen gut, dass sich das Fahrradabteil hier leer. Der Zug kommt von Valence.- Aber wissen tut man´s nicht.

Leuchtet mir ein. Die kleine Chance muss ich wahren. Also buche ich zu meinem Ticket noch die Strecke bis Aix hinzu, kein Problem. Das Hotel buche ich um, gleich am Bahnhof ist ein günstiges - nicht berauschend aber sehr nette Leute. Ich kann um 10.00 Uhr schon einchecken. 

Was hatte ich gestern gemeint? Warum habe ich nicht mehr Zeit für Grenoble eingeplant. Jetzt habe ich sie. Und ganz ehrlich, auf Industrie-, Autobahn-, Innenstadt-, Berufsradverkehrs- Gegurke verzichte ich gern, und gegen einen weiteren Tag ohne Bergankünfte habe ich absolut nichts.


Morgenstimmung in Grenoble. Die Stadt ist nicht leicht zu fassen. Das Viertel um den Bahnhof herum, mit viel Grün. Kleine Geschäfte auf großen Straßen. Absolut ungewöhnlich.


Eine Infrastruktur für Bewohner, nichts für Touristen. Überhaupt scheint die Stadt nicht unbedingt in Geld zu schwimmen. Hätte ich nicht erwartet. Die Straßenreinigung scheint auch zu streiken. Grenoble hatte ich mir eher reich und Chici mici vorgestellt. Aber auch auf den großen Boulevards geht es nicht chic zu.
Der Wochemarkt findet unter der Eisenbahntrasse statt.


Das ist kein Vorort! Das Grenoble Zentrum.



Dass es noch solche "Bedürfnisanstalten" (für Männer) gibt ist echt aus der Zeit gefallen. Man braucht nur seiner Nase zu folgen. Kommt der Geruch von hinten, entfernt man sich von einem Urinal, kommt der Geruch von vorne nähert man sich einem. Hat der GrenoblerL Blasenprobleme oder wird hier so viel getrunken? 

Die älteren Viertel sind nicht wirklich alt, alt. Sehen aber oft sehr alt aus. Grenoble ist Unistadt, soll eine gute sein. Sicher gibt es hier genügend billigen Wohnraum.
Grenoble ist auch eine sehr internationale Stadt. Hier gibt es Tandoori, chinesisch, Thai,Koreanisch - und Muschellokale, wie am Atlantik- nur unterm Mont Blanc.

Aber erst einmal Touriprogramm. Zwei Highlights müssen es sein. Zuerst hinauf auf die Bastion. Und da es eine sehr witzige Seilbahn gibt, kann sogar ich mich zu einem Ausflug in die Höhe aufraffen.


Die Seilbahn gibt es schon seit Anfang der 30iger Jahre. Touri-Sprech:"Sie ist eine der ältesten Seilbahnen der Welt". Die Fassung von heute wurde in den 90ern komplett neu gestaltet und das Design ist wirklich ausgewöhnlich. Jeweils 5 "Bubbles" fahren im Wechsel rauf und runter. In der Glaskugel hat man einen tollen Rundumblick und da heute absolut nichts los ist, gibt es auch kein Gedränge.

Und der Ausblick oben ist grandios. Ein Alpenpanorama vom Feinsten. 


Was ich mich hier oben gefragt habe, ist, warum man in den 20iger Jahren des 19.Jahrhunderts eine so gewaltige Befestigungsanlage auf den Berg setzt. Es gab schon von Vauban her eine Festung und auch von noch früher. Aber der Gewaltsbunker ist 19.Jh. In der Broschüre steht, dass nach den Napoleonischen Kriegen hier die Grenze zum Königreich Sardinien war. Mag ja sein, dass die so brandgefährlich waren. Aber auch noch Jahre später wurde tapfer weiter gebaut. Und auch Depots für Munition und Schießpulver angelegt. Könnte es ich vielleicht sein, dass nach der Julirevolution von 1830 man dem eigenen Volk nicht mehr so recht über den Weg traute.
Auch andernorts, wie z.B. in Barcelona und Paris wurden die langen Boulevards Mode, um freies Schussfeld zu haben und die Kanonen der Bastionen wurden gegen die eigene Stadt gerichtet.
Delacroixs Bild "die Freiheit für das Volk", mit der barbusigen Marianne, bezieht sich auf 1830. Und die Stadterneuerungsprogramme waren Revolutionsverhinderungsprogramme.


Und aus der Ferne grüßt der Mont Blanc. Habt Ihr gelesen, das Toblerone seit neuestem nicht mehr als  Swissmade firmieren darf, weil sie nicht mehr in der Schweiz allein produzieren? Wie komme ich jetzt da drauf?

Das zweite Highlight des Tages, ein absolutes Muss, ist das Kunstmuseum.
Das ist das erste Kunstmuseum auf dieser Reise!!
Und es hat sich gelohnt.
Allein schon wegen des Gebäudes, sehr schöne Räume, geniale Lichtregie!


Leider steht die Hälfte des Museums leer. Es wird gerade eine Sonderaustellung aufgebaut. Die Bestände bis zum 18.Jh. sind - mäßig! Eine Orgie in Blattgold und Mythengemurmel
Der riesigen Schinken über Homer toppt Alles.


Sehr schön istdie Sammlung zur klassischen Moderne. Wen wundert´s, in Frankreich!
Am besten hat mir der Raum von Matisse gefallen.


Es hat sich gelohnt hier einen Tag zu verbringen. Das habe ich nicht bereut. Wie es Morgen weiter geht. Drückt mir die Daumen. Es nervt schon sehr, wenn man sich nicht darauf verlassen kann, dass öffentliche Verkehrsmittel mit dem Rad benutzt werden können. Wenn alles klappt bin ich ja Morgen in der Schweiz- und da ist eisenbahnmäßig die Welt noch in Ordnung. Nur für alle Fälle!

Das hatte ich natürlich nicht auf dem Schirm, dass die Tour de France nächste Woche hier durchkommt. Est steht mal wieder Alpe d´Huez auf dem Programm. Da wird was los sein.


Und noch ein PS: Bisher dachte ich Chicago sei die "windy City". Liebe Chicagoer kommt mal nach Grenoble, dann wisst Ihr, was windig ist. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Mitten in der Stadt kam mir ein Cafehausstuhl entgegen, ok billiger Plastikschrott, aber immerhin. Der Barbesitzer hinterher, "Revolución!" schreit er. Doch da habe ich seinen Stuhl mit Fluchtbestrebungen schon gestellt.
Bis Morgen! Hoffentlich in Genf!!


 















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